Begrüßung
Zum Festgottesdienst am Pfingstfest, zum Geburtstag der Kirche,
möchte ich Sie, liebe Gottesdienstgemeinde ganz herzlich begrüßen. Neben
Weihnachten und Ostern gilt Pfingsten als eines der größten Feste des
Christentums. Wir können das Pfingstfest sogar als das größte Fest der Kirche
bezeichnen, weil an Pfingsten die heilige Kirche gegründet wurde. Falls es
damals kein Pfingstereignis gegeben hätte, und die Apostel an diesem
Erntedankfest bei verschlossenen Türen den Heiligen Geist in Feuerzungen nicht
empfangen hätten und danach mutig ihre Erfahrungen und Überzeugungen nicht
verkündet hätten und dafür sogar ihr Leben nicht hingegeben hätten, wären wir
heute wahrscheinlich keine Christen. Deswegen wollen wir heute mit großer
Dankbarkeit an alle Verkünder des Glaubens in den letzten 2000 Jahren denken
und an diesem großen Fest für die Lebendigkeit der Kirche durch die Wirkung des
Heiligen Geistes beten. In unser Gebet schließen wir ein, alle die in der
Kirche aktiv sind, alle die der Kirche fern stehen und alle die aus der Kirche
ausgetreten sind. Wir alle gehören zur heiligen Kirche und der Heilige Geist
kann uns alle wieder zusammenführen. Wir beginnen den Gottesdienst mit dem
Kyrieruf.
Predigt
Heute beginne ich die Predigt mit einem Witz.
Ein Franziskaner und ein Salesianer haben jede Woche abwechselnd
beieinander gebeichtet. Als einmal der Salesianer zum Beichten kam, sagte der
Franziskaner zu ihm: Mein Bruder, als Buße bete einmal den Rosenkranz und nach
jedem Gesätz eine Allerheiligen-Litanei. Der Salesianer Pater
war verärgert wegen dieser zeitaufwendigen Buße; aber er dachte, dass ihm
etwas einfallen würde, wenn der Franziskaner die Woche darauf bei ihm zur
Beichte komme.
Als der Franziskaner in der nächsten Woche bei dem Salesianer zur
Beichte kam, sagte er am Schluss sehr väterlich, mein Bruder als Buße betest du
ganz einfach einmal die Allerheiligenlitanei und nach jedem Heiligen einen
Rosenkranz.
Sie lachen, weil sie den Witz verstanden haben. Aber es ist heute
nicht selbstverständlich, dass alle unsere Mitchristen diesen Witz verstehen
können. Um verstehen zu können reichen die Sprachkenntnisse oder die Kenntnisse
der Bedeutung der ausgesprochenen Wörter nicht, sondern man muss auch die
Bedeutung der Begriffe, wie den Rosenkranz und die Allerheiligenlitanei kennen.
Genauso ist es mit dem Sprechen und der Sprache. Eine Sprache sind
nicht nur die Wörter, Sätze oder Kenntnisse der Grammatik, sondern die
Hintergründe von dem, der die Sprache spricht, die Vermittlung der Botschaft,
die Bereitschaft ihm zuzuhören und seine Botschaft aufzunehmen, das Verständnis
für ihn, seine Beziehung zu den Zuhörern und umgekehrt. Die Vermittlung der
Botschaft durch das Wesen eines Menschen ist meiner Meinung nach das Verstehen
einer Sprache. Ich kenne Ehepaare, die sich gegenseitig sehr gut verstehen und
verständigen, obwohl beide in Fremdsprachen kommunizieren müssen, weil keiner
die Muttersprache des Partners kennt und obwohl Beide die
genutzte Fremdsprache nicht gut beherrschen. Eine Sprache zu
verstehen bedeutet nicht nur die Wörter und Sätze zu verstehen, sondern die
Botschaft zu verstehen und die Botschaft anzunehmen.
Als wir den Gottesdienst noch auf Latein
feierten, haben wir die Wörter und die Grammatik nicht verstanden, aber
wir wussten, worum es ging. Seitdem wir den Gottesdienst vorwiegend in
deutscher Sprache zelebrieren, verstehen die Leute alle Wörter und die
Grammatik; aber es gibt trotzdem Mitchristen, die nicht wissen, worum es
geht.
In der Apostelgeschichte hörten wir, dass nach dem
Pfingstereignis Petrus in der aramäischen Sprache predigte und
Menschen verschiedener Sprachgruppen in ihrer Muttersprache Gottes große Taten
hörten und verstanden: „Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien,
Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien
und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch
die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber“, die Stadt Jerusalem war damals
wie jede europäische Großstadt heute; Menschen aus allen Völkern und Nationen
kamen dorthin zu Besuch oder lebten dort. Wenn wir lesen, dass alle diese
Menschen die Predigt Petrus in ihrer Muttersprache verstanden, lesen wir auch
gleichzeitig, dass es dort Leute gab, die es nicht verstehen konnten, sondern
denen die Sprache sehr unklar erschien und daher darüber spotteten, dass Petrus
und andere Jünger schon am Morgen von süßem Wein betrunken
seien. (Apo. 2:13) D.h. diejenigen die Petrus verstehen wollten oder
die sich dem Wirken des Heiligen Geistes öffneten, haben die Botschaft seiner
Predigt verstanden und sich der Person und der Botschaft Jesus geöffnet und
fragten: „Was sollen wir tun, Brüder?“ und ließen sich im Namen Jesu Christi
taufen zur Vergebung ihrer Sünden. Manche konnten dort Petrus nicht verstehen
und sie meinten, Petrus sei betrunken.
Es gibt eine schöne Geschichte einer alten Dame, die über 2000
Jahre alt war und nie zum Arzt ging. Endlich als sie einmal beim Arzt war,
sagte der Arzt, dass sie früher zum Arzt hätte kommen sollen, weil ihre Ohren
nicht gut funktionierten, ihre Augen nicht gut sehen würden, ihre Nase nicht mehr
gut riechen könne und ihre Zunge auch nicht in Ordnung sei, um passende Worte
zu finden. Die Dame erwiderte, dass sie schon sehen kann, was sie unbedingt
sehen will, dass sie hören kann, was sie täglich hört und hören will, dass sie
riechen kann in ihrer Wohnung und sie reden kann, wie sie es möchte. Der Autor
meint die heilige Kirche mit dieser alten Dame, aber uns kann in unserem Alltag
das Gleiche passieren, dass wir die Sprache der Menschen nicht mehr verstehen,
weil wir uns mit den Menschen nicht mehr verstehen und die Menschen nicht mehr
verstehen wollen. Wie im Pfingstereignis, alle Zuhörer verschiedener
Nationalitäten die Predigt von Petrus verstanden, weil nicht nur Petrus,
sondern auch die Zuhörer vom Heiligen Geist erfüllt waren und alle bereit
waren, die Botschaft von Petrus zu verstehen und sie aufzunehmen, kann der
Geist auch uns befähigen die Menschen zu verstehen.
Wir leben heute in einer digitalen Zeit, in der wir eine Vielfalt
von Möglichkeiten erleben um zu kommunizieren, per Telefon, Email, mit
Kontakten in sozialen Medien oder auf dem Bildschirm sich zu sehen, ohne sich
persönlich begegnen zu müssen. Diese Kommunikation und das Verstehen müssen
nicht immer der Wahrheit entsprechen. Aber wenn Menschen sich begegnen ohne
digitale Medien, auch wenn sie die Sprache des anderen nicht richtig verstehen,
wenn sie sich sehen, spüren, hören, in die Augen schauen, dann verstehen die
Menschen besser und tiefer. So ein verstehen ist das Pfingstereignis.
Das Gegenteil zum Verstehen der Predigt des Petrus von Zuhörern
verschiedener Sprachgruppen lesen wir in der Geschichte des Turmbau zu Babel,
in der obwohl alle die gleiche Sprache sprachen, ein Zeitpunkt kam, dass sie
die eigene Sprache untereinander nicht mehr verstanden.
Das bedeutet, ob wir einen Menschen oder seine Sprache verstehen
können oder nicht verstehen können, das geschieht plötzlich, in einem Moment.
Beim Turmbau zu Babel haben sie plötzlich die eigene Sprache nicht
mehr verstanden.
An Pfingsten haben viele Menschen plötzlich die Fremdsprachen
verstanden.
Ich wünsche uns in der Gemeinde keine Stadt Babel mit ihrem Turm,
in der alle die gleiche Sprache sprechen und sich trotzdem nicht verstehen,
sondern eine Stadt wie Jerusalem am Pfingsttag, in der die Menschen
verschiedene Sprachen sprechen und trotzdem alles verstehen.